WOHNPARK ALT-ERLAA: ES GIBT HIER KEINE LEEREN GEMEINSCHAFTSRÄUME

Auf der Wien-Exkursion hat das Reallabor Space Sharing den Wohnpark Alt-Erlaa besucht. Als Space Sharing Case Study ist das Projekt relevant, weil es den BewohnerInnen eine Vielzahl an nutzungsneutralen Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, ohne eine bestimmte Bespielung vorzugeben.

Über den Wohnpark Alt-Erlaa im 23. Wiener Gemeindebezirk wurde schon viel geschrieben und erzählt. Die Planung des Architekten Harry Glück begann 1968 und von 1973 bis 1985 wurde in drei Etappen gebaut. In den 3.180 Wohnungen leben derzeit ungefähr 10.000 Menschen. Harry Glück folgte einer einfachen, pragmatischen Regel: der Mensch ist dann glücklich, wenn seine Grundbedürfnisse befriedigt werden, also die Nähe zum Wasser, zum Grün und die Möglichkeit von Gemeinschaft. Es gibt insgesamt über 30 verschiedene Grundrisse, von 1-5 Zimmer-Typen. Jede Wohnung besitzt eine Loggia oder Balkon mit Aussicht, die Türme sind in einem weitläufigen Park platziert, es gibt Tiefgaragen, Schwimmbäder am Dach (in 80 Meter Höhe mit sensationeller Aussicht), Hallenbäder in den Untergeschossen, Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schulen und zahlreiche Gemeinschaftsräume im Inneren der Türme, in welchen sich eine Vielzahl an privat initiierten Clubs und Sportmöglichkeiten befinden.
Die Gemeinschaft kann sich in den angeführten Space Sharing Räumen entfalten und sich diese zu unterschiedlichen Graden aneignen. Das Reallabor Space Sharing erhält Einblick in das Leben der MieterInnen und in die Funktionsweise der kollektiv genutzten Infrastrukturen. Diese können von jeder/m BewohnerIn durch ein Chip- und Buchungssystem genutzt werden.

Die Schwimmbäder am Dach, die wie ein Dorfplatz funktionieren, die Räume für die Gemeinschaft, die gestapelten Einfamilienhäuser (mit denen für Alt-Erlaa geworben wurde) all das erinnert an die Unité d´Habitation in Marseille von Le Corbusier, bei welchem es ebenfalls einen kollektiv genutzten Dachgarten und ein Geschoss für gemeinschaftliche Nutzungen gibt. Die Kombination aus Privatsphäre, durch die Rückzugsmöglichkeit in den einzelnen Wohnungen, und Gemeinschaft, durch die Möglichkeit in den Space Sharing Räumen jederzeit in Kontakt mit anderen BewohnerInnen zu treten, machen den Wohnpark Alt-Erlaa so erfolgreich. 

Bis zum 13. Stock Tröge mit unterschiedlicher Verwendung: Pflanzen, Biokompost, Teich.

Die Wiener Fotografin Zara Pfeifer beschäftigt sich seit ihrer Diplomarbeit 2013 an der Akademie der bildenden Künste Wien mit Alt-Erlaa und kann nach eigener Aussage noch jahrelang in Alt-Erlaa fotografieren.

Wir treffen Zara Pfeifer im Kaufpark und zusammen mit dem Bewohner Stefan bekommen wir eine Führung zu den spannenden Orten und zu den Geschichten der Anlage. Enthusiastisch erzählt sie von den 33 Clubs, darunter ein Keramik-Club, ein Foto-Club (in welchem sie selbst Mitglied ist) und einem Freddy-Quinn Museum. Stefan wurde im Foto-Club getauft und er erzählt von seiner initiierten Cocktailparty auf der Galerie im Eingang seines Blocks und von zahlreichen Geburtstagsparties in den Schlechtwetter-Spielplätzen. Sie erzählt von der extrem guten Instandhaltung der Anlage: es gibt Gärtner, Installateure, Elektriker und eine 24h Hausverwaltung, die die Anlage in Schuss halten.
Es gibt BewohnerInnen, welche sich für eine flexiblere Nutzung und ein besseres Zeitmanagement der Clubs engagieren. Es bleibt jedoch spannend, wie sich der Generationenwechsel und das Weiterführen der Space Sharing Angebote in Alt-Erlaa vollziehen wird.

Clubraum

„[…] Warum baut man das eigentlich nicht weiter? Ich hab mir vorgestellt es entsteht so eine lineare Stadt, die sich durch die Landschaft schlängelt, weiter über den Wechsel, in die Berge hinauf, in die Täler, weiter, weiter, und dann verzweigt sich das nach Slowenien und Italien bis nach Griechenland. Es entsteht diese wunderschöne Stadt die irgendwo in Calais und vielleicht in Dover und in Irland beginnt und sich durch den ganzen Kontinent zieht.1 

„Die meisten kennen den Wohnpark nur vom Vorbeifahren mit der U-Bahn und denken dann: Dort zu leben muss sich anfühlen wie in einer Hühnerlegebatterie. Und dann sprichst du mit einer Bewohnerin und sie ist vollends zufrieden.“ 2

Der Wohnpark Alt-Erlaa sieht zum Fürchten aus. Drei riesige Beton-Blocks, A, B und C, bis zu 27 Stockwerke hoch, Mitte der Siebziger erbaut, 11.000 Bewohner. Alt-Erlaa versprüht den Charme eines Atomkraftwerks. Doch statt in der Beton-Tristesse zu versauern, passiert bei den Bewohnern genau das Gegenteil: Nirgends in Wien ist die Wohnzufriedenheit so hoch wie hier, im dicht besiedelten 23. Bezirk Wiens.3 

Aus den Zitaten erkennt man, wie kontrovers Alt-Erlaa wahrgenommen wird. Doch immer wieder geben 90% der BewohnerInnen an sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation zu sein. Die vielfältigen Space Sharing Angebote tragen einen wesentlichen Teil zur Identifikation der Bewohnerschaft bei.

Etwas neidisch verlassen wir die “Wohnmaschine” wieder, steigen in die U6 und sind 20 Minuten später in der Ausstellung “Das Rote Wien” im 1.Bezirk, über die Zeit 1919-1934, in welcher die Grundsteine für die heutige Wohnbaupolitik gelegt wurden. 

Der Wohnpark Alt-Erlaa wird als Space Sharing Case Study erforscht, weitere Einträge zur Typologie, zur Horizontal- und Vertikalerschliessung und den privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereichen und Nutzungen folgen.

Verfasserin: Natascha Peinsipp // Fotos und Grafik: Zara Pfeifer, http://www.zarapfeifer.com/du-meine-konkrete-utopie / 1) Jan Tabor, Bewohner Alt-Erlaa, http://www.mvd.org/en/prj/how-to-live-in-vienna/ 27.5.2019; 2) Zara Pfeifer, Du, meine konkrete Utopie;
3) https://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/24/wohnpark-alt-erlaa-wien-zara-pfeifer-fs, 27.5.2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben