SARGFABRIK & MISS SARGFABRIK: EIN DORF IN DER STADT

Ein Programmpunkt der Wien-Exkursion des Reallabor Space Sharing war der Besuch des Wohnprojekts Sargfabrik und Miss Sargfabrik. Als Space Sharing Case Study ist das Projekt interessant, weil es von Anfang an die Gemeinschaft und die dafür notwendigen Infrastrukturen in den Mittelpunkt der Planung stellt.

Die Sargfabrik im 14. Wiener Gemeindebezirk ist ein selbstverwaltetes Wohnprojekt, welche das gemeinsame Planen, Betreiben und Wohnen, die Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die Berücksichtigung ökologischer Aspekte und das kulturelle Miteinander als Ziel hat.

Der Verein für Integrative Lebensgestaltung wurde 1987 gegründet, bis zur Fertigstellung der Sargfabrik hat es zehn Jahre gedauert. Basisdemokratisch, in wöchentlichen Plenen wurden Entscheidungen getroffen und zusammen mit dem Baukünstlerkollektiv BKK-2 (mittlerweile BKK-3) geplant. Im Juli 1996 wurde die Sargfabrik fertiggestellt und vier Jahre später die Miss-Sargfabrik eröffnet. 
Die lange Planungsphase der Sargfabrik hat die BewohnerInnen zusammengeschweißt und es ist eine Community entstanden, welche sich in Arbeitsgemeinschaften organisiert und viele der operativen Geschäfte und Aufgaben ehrenamtlich übernimmt. 

Beatrix Eichinger, Bewohnerin der ersten Stunde führt uns zuerst zur Miss Sargfabrik, ebenfalls orange wie die Sargfabrik, mit schrägen Wänden und einem idyllischen Innenhof. Sie erzählt uns vom Anfang und den Schwierigkeiten beim Kauf des Grundstücks und der Planung. Das Projekt hat eine Vielzahl an Space Sharing Infrastrukturen, zu welchen die architektonisch hochwertigen Gemeinschaftsräumen zählen: eine Bibliothek, eine Waschküche sowie einen Dille-Tanten-Raum, welcher für Musik- und Theaterproben genutzt wird. Diese Space Sharing Räumlichkeiten sind über das gesamte Gebäude verteilt.

Miss Sargfabrik: Blick von der Bibliothek in die Waschküche und den Seminarraum

Im Gegensatz zum Konzept des gestapelten Einfamilienhauses in Alt-Erlaa, bei welchem großer Wert auf die Privatheit und die Nichteinsehbarkeit der Wohnungen gelegt wird, sind die Wohnungen der Sargfabrik durch die großen Fensterflächen, die Orientierung und die Laubengangerschliessung sehr offen. Die Kommunikation und das Kollektive stehen im Fokus. Rückzugsmöglichkeiten und Privatheit werden trotzdem ermöglicht. 
Auch die Space Sharing Räume sind für die BewohnerInnen prominent platziert und offen gestaltet. Ein spannender Aspekt sind die visuellen Verbindungen der unterschiedlichen Gemeinschaftsräume. Beispielhaft sind die Sichtverbindungen von der Bibliothek in die Waschküche, den Seminarraum und in die Gemeinschaftsküche.

Abgeschaut vom Roten Wien hat sich die Sargfabrik das Einküchenhaus und die Waschküche. Weiters gibt es ein Kulturhaus, ein Seminarhaus, ein Kinderhaus, ein Badehaus und ein Café und Restaurant im Gebäude. Es gibt eine Abstufung der Zugänglichkeit der Einrichtungen von privat zu öffentlich. Die Waschküche sowie die Gemeinschaftsküche werden von den BewohnerInnen benutzt. Das Seminar-, Kinder-, und Badehaus sind zu bestimmten Zeiten und je nach Veranstaltung öffentlich zugänglich. Das Café und das Restaurant stehen der gesamten Nachbarschaft zur Verfügung. Dadurch bereichert das Wohnprojekt mit seinen vielfältigen Space Sharing Angeboten auch das Stadtquartier.

Die Rechtsform “Wohnheim” ermöglicht eine breite Nutzungsmöglichkeit zum Beispiel eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft, sieben Heimplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und mehrere Wohneinheiten für kurzfristigen Wohnbedarf, die derzeit u.a. an geflüchtete Menschen aus verschiedenen Krisengebieten vergeben sind. Es gibt 80 – 100 “Heimplätze”, die auf einer zweigeschossigen Grundeinheit von rund 45 m2 aufbaut, die nur durch den Versorgungsschacht und die Treppe determiniert und beliebig addierbar ist. 

Sargfabrik: Das Badehaus

Das Highlight ist der weitläufige Dachgarten, zugänglich für alle BewohnerInnen, mit Steingarten, Rasenflächen und Gemüsebeeten, eine Oase in der Stadt.

Im Gegensatz zu vielen aktuellen Neubauten und Wohnprojekten hat die Sargfabrik und die Miss Sargfabrik einen sehr hohen architektonischen und sozialen Anspruch. Space Sharing wird in der Sargfabrik und der Miss Sargfabrik seit vielen Jahren gelebt und gefördert. Passend zu diesem außergewöhnlichen Wohnprojekten, ein Auszug aus dem Artikel “Wohnungsbau: Die Heimsuchung” von Hanno Rauterberg, eine kritische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Wohnbau:

“Für den Philosophen Ernst Bloch war Architektur »ein Produktionsversuch menschlicher Heimat«. Und keineswegs hat sich dieser Wunsch nach Heimat, gar nach Identität in den letzten Jahren verloren, im Gegenteil. Die Gegenwart hält sich sogar einen Heimatminister, Horst Seehofer sein Name. Der aber tut so, als sei Wohnungsbau nur eine Unterabteilung der Verpackungsindustrie. […] Am Ende kaufen die Leute extraflauschige Wolldecken und andere Accessoires der Heimeligkeit, um sich gegen die Verkahlung ihres Lebens zu wappnen. Es ist ein Rückzug ins Kuschelreich des Privaten und eine Absage an die alte politische Idee, dass Städte und Dörfer mehr sein könnten als die Abstellfläche globaler Hausfabrikanten. Es ist das Ende der Architektur als gesellschaftlicher Unternehmung. Eine Auflösung in Hässlichkeit. […] Eine Architektur, in der das Schöne, das Spielerische, auch eine metaphysische Vorstellung des Wohnens neuen Raum gewinnt, muss ja keineswegs teuer sein, das zeigt schon ein kurzer Blick in die Baugeschichte. Das 19. Jahrhundert mit seiner Gründerzeit war bei Weitem nicht so wohlhabend wie unsere Gegenwart – und brachte doch Häuser hervor, die noch heute ungeheuer begehrt sind, weil sie als großzügig und schön gelten. Auch die stolzen Genossenschaftsbauten, die im Wien des frühen 20. Jahrhunderts entstanden, verdanken sich nicht überschießendem Reichtum. Sie wurden geplant, weil sie gesellschaftlich gewollt waren. Weil man die Selbstverkistung des Menschen unwürdig fand. Weil man auf Zusammenhalt baute, auf ästhetische Solidarität. Und auf den Geist einer anderen, freien Gesellschaft.”1

Dieser Auszug verdeutlicht das Wohnen mehr sein soll als die reine Unterbringung. So haben die erwähnten Genossenschaftsbauten in Wien von Anfang an das Konzept des Space Sharings implementiert und damit eine Tradition geschaffen, in welcher sich auch die Sargfabrik und Miss Sargfabrik einreiht.

Verfasserin: Natascha Peinsipp // Fotos: 1) Felix Steinhoff, 2) Natascha Peinsipp, 3) http://www.bkk-3.com/projects/fab-sargfabrik-wien/ / 1) Hanno Rauterberg, Wohnungsbau: Die Heimsuchung, ZEIT ONLINE 27.05.2019

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