DENKEN SIE GROSS: FORDERUNGEN AN DIE ARCHITEKTUR #4

The Baukunst Studio und das Reallabor Space Sharing arbeiten an einem sogenannten Weißbuch der Architektur zur geo-sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Als Basis dazu dienen u.a. die Vorlesungen und Diskussionen im Rahmen der Digital Lounges, die von April bis Juli 2020 am Lehrstuhl für Wohnbau, Grundlagen und Entwerfen stattgefunden haben. Im Zuge dieses interdisziplinären Austausches zum Thema Denken sie Groß wurden unsere Gäste jeweils gegen Ende hin auch über die Forderungen an die Architektinnen und Architekten, aus ihrer jeweiligen Expertinnen und Expertensicht heraus, befragt.

Lesen sie den Beitrag zum Weißbuch unserer Studentinnen und Studenten Xaver Jahn, Johanna Kurz, Alisa von Postel, Simon Ruof.


WAHRNEHMUNG

1. Wir müssen damit anfangen wahrzunehmen.

Sind wir noch fähig zu hören?
Wir sind rezeptive Wesen. Alles um uns herum bewegt sich, alles macht ein Geräusch, auch das Leiseste ist hörbar. Wenn wir wahrnehmen, zuhören, beobachten, verstehen wir: Wir stehen im Zusammenhang mit der Welt und sie mit uns. Bereits durch unser Dasein kommunizieren wir mit dem, was uns umgibt.



ERKENNTNIS

2. Wir tragen Verantwortung für unser Handeln.
3. Wir sind nicht autonom. Alles hat Wert.

Ich bin Leben inmitten von Leben, das Leben will.
Allein durch unsere Existenz schränken wir die Existenz anderer ein. Unsere Handlungen haben Wirkung und Einfluss. Damit wird uns besonders als Architektinnen und Architekten eine besondere Verantwortung zuteil.
Wir formen Raum, wir bilden Gesellschaft, umrahmen Lebensrealitäten. Architektur ist mehr als Gestaltung. Sie ist Soziologie, Psychologie, Politik und Geografie.
Durch das Wahrnehmen erkannten wir: Wir sind Teil des Ganzen und es ist Teil von uns. Das bedeutet, dass wir nicht allein sind. Diese Erkenntnis führt uns zum Grundsatz des Gemeinschaffens. Niemand kann die geosoziale Frage für und mit sich selbst lösen. Expert*innen verschiedenster Wissenschaften versammelt euch, wir sind kommunizierende Wesen und wir wollen dieses Potential nutzbar machen. Wir wollen und können nicht allein entwerfen, denn wir haben wahrgenommen und erkannt:
Wir sind Teil, das bedeutet alles steht in Abhängigkeit zu anderem, das bedeutet wir haben Einfluss, das bedeutet wir haben Verantwortung, das bedeutet: Keine Teilnahme am Diskurs ist zwecklos.
Wir stehen vor der Frage: Was brauchen wir und worauf können wir verzichten?
Visionen müssen nichts Abgehobenes sein, sie manifestieren sich im Grunde in etwas sehr Bodenständigem. In dem, was wir als Wahrnehmende inmitten von Wahrnehmenden haben wollen.



AKTION

Abhängigkeiten benennen

4. Wir müssen unsere Abhängigkeiten beschreiben.

Wir stellen uns gegen das Leugnen der Zusammenhänge, die uns mit der Welt verbinden und unsere Lebensrealitäten formen. Wir sind abhängig und anderes ist abhängig von uns. Diese Abhängigkeiten müssen wir in einem ersten Schritt benennen und beschreiben.



Verantwortung übernehmen

5. Was hinterlassen wir?
6. Welche Ideale wollen und müssen wir vertreten?
7. Wir müssen VordenkerInnen sein.

Als Architekt*innen wird uns die Aufgabe zuteil gesellschaftliches Zusammenleben zu materialisieren. Wir sind damit verantwortlich für die Beantwortung der Frage was wir aufbauen und hinterlassen wollen. Wir sind Subjekte und müssen die Konsequenzen unseres Handelns erkennen: Wollen wir Erfüllungsgehilf*innen der Mächtigen sein oder politisch und wirtschaftlich produzierte Konventionen durchbrechen? Wir müssen hinterfragen für wen wir arbeiten und welche Ideale wir selbst und Auftraggebende vertreten. Der Gestaltungsspielraum der Zukunft ist von der Gegenwart abhängig. Übernehmen wir also die Rolle der Vordenkenden in einem kollaborativen Diskurs!



Interdisziplinär arbeiten

8. Wir müssen interdisziplinär arbeiten.
9. Architektur geht uns alle an. Also treten wir in Diskurs.
10. Wir sehen Möglichkeiten anstelle von Problemen.
11. Die alten Methoden werden der Komplexität der Welt nicht gerecht.
12. Unsere Visionen müssen wir mit dem Jetzt vergleichen.

Die geosoziale Frage kann nur in der Zusammenarbeit mit verschiedensten Disziplinen erfolgen. Diese Arbeitsweise erfordert neue Planungsstrukturen, die die Verschiedenheit der Standpunkte nicht als zu bewältigend, sondern als Ermöglichung begreift. Einzig durch die Zusammenführung verschiedener Perspektiven können wir die Bogenspannung zwischen dem Ist-Zustand und dem Idealzustand konstruktiv nutzen.
Planungsstrukturen sind künstlerisch-entwerferisch. Unsere herkömmlichen Methoden erzeugen zeit- und machthierarchische Strukturen, die der Komplexität unserer Welt nicht gerecht werden. Wir verabschieden uns von der Autonomie und begrüßen die Vielfalt, erkennen die Schönheit in Strukturen, im Zusammenführen. Im Diskurs verknüpfen wir Elemente aus verschiedenen Utopien und bewegen so unser Ziel kontinuierlich in Richtung Idealzustand und verlieren es nicht schon zuvor. Der unermüdliche Abgleich mit dem Ist darf hierbei nicht verloren gehen. Diesen Prozess gilt es kompositorisch zu entwerfen.



Standards widersetzen 

13. Wir müssen Regeln und Normen hinterfragen.
14. Jeder Mensch kann nur in einer Wohnung gleichzeitig leben.
15. Funktion ist nicht genug. Ein gutes Zusammenleben entsteht aus der Architektur.

Politik und Wirtschaft produzieren bestimmte Bilder von Zusammenleben, die sich in Bedürfnissen nach Privatheit, Eigentum, Autonomie und in Standards äußern. Wir wollen Gesetzestexte entrümpeln von kontraproduktiven Regelungen, die einem guten Leben für alle widersprechen. Dazu gehört beispielsweise die Abschaffung der Stellplatzregelung, das Verbot des Autoverkehrs in Städten, das Hinterfragen der Neuausweisung von Bauflächen. Wir stellen Normen und Spezifikationen in Frage. So entfernen wir uns von einer reinen Funktionsarchitektur, die den Zweitwohnsitz ‚Tiny House‘ als ultimativen Wohnwunsch preist.



Zusammenleben gestalten

16. Als ArchitektInnen müssen wir aktiv Zusammenleben gestalten.
17. Ab wann beginnt der öffentliche Raum heute? Ist unser Wohnzimmer noch privat?
18. Räume müssen effektiv und rund um die Uhr nutzbar sein.

Im Gegensatz zur reinen Funktionsarchitektur müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie unsere Architektur zu Kommunikation und Wahrnehmung beitragen kann. Was wir durch kollaboratives Arbeiten bereits tun, muss im Entwurf genauso möglich sein. Soziale Interaktion, Durchmischung, Umschichtung, Partizipation und Demokratisierung. Wir stellen uns gegen soziale und räumliche Segmentierung und setzen uns für Begegnung und fließende Übergänge ein. Die Klassifizierung von Öffentlichem und privatem Raum hinterfragen wir und setzen uns für das Teilen als Maxime der Raumnutzung ein. Denn nur was dauerhaft genutzt wird, ist auch nachhaltig. Für das Teilen von Raum gilt es Raum ressourceneffizient zu nutzen und Bestand zu aktivieren. Dabei müssen das nebeneinander, nacheinander und miteinander stattfindende Raumnutzen als Zielsetzung betrachtet werden.



Das Große im Kleinen und das Kleine im Grossen denken 

19. Wir müssen gleichzeitig klein und groß denken.
20. Was passiert mit Gebautem in Zukunft?
21. Wir müssen Element nachhaltig fügen.
22. Bestehendes muss reaktiviert werden.
23. Wir arbeiten an und mit dem vorhandenen Material.
24. Auch Unscheinbares hat Wirkungskraft.
25. Wir dürfen das Unplanbare nicht außer Acht lassen.

Da das Kleine und das Große zusammenhängen, müssen wir sowohl im Kleinen als auch im Großen denken. Das Leben auf der Erde basiert auf dem Austausch von Verbrauchtem, das mit Gebrauchtem im Einklang steht. Die geosoziale Krise ist Ergebnis eines Ungleichgewichts zwischen endlichen Rohstoffen und unendlichem Verbrauch. Wir bestreben einen möglichst kleinen Kreislauf, in dem Ressourcen genutzt und wiederverwertet werden. Im Zuge dessen stellen wir uns erneut die Frage nach der Nutzbarmachung von Bestehendem, der radikalen Reduktion neu eingesetzter Ressourcen und dem Teilen. Infrastrukturen des Ge- und Verbrauchs müssen wir in das Entwerfen miteinbeziehen, genauso wie alle anderen Zusammenhänge, die uns die Moderne auszublenden gelehrt hat.
Um uns von der schieren Größe der Fragestellung nicht ausbremsen zu lassen erkennen wir an, dass wir weder fertig werden können noch wollen, aber anfangen müssen. Jede Änderung hat Einfluss. So haben in Städten sowohl kleine versiegelte als auch begrünte Flächen oder unscheinbare Windschneisen Einfluss auf das lokale Mikroklima. Wir beginnen dislozierte Räume mitzudenken und verändern damit zunächst unser Verständnis von Architektur und von Welt und anschließend unsere entwerferische Praxis. Dazu zählt auch die Verankerung des Ereignishaften in die Planung. Es geht hierbei nicht darum Unvorhersehbarkeit in einer Künstlergenialität zu romantisieren, sondern zunächst einmal Improvisation als konstruktiven Umgang mit Situationen anzuerkennen.
Architektur, die Raum für Improvisation lässt, liefert Raumprogramme in denen kulturelle Herkunft keine Rolle spielt und Zusammenhänge sichtbar und notwendig werden.



Chancen nutzen und gestalten

26. Informationen als Gemeingut nutzen und fördern.
27. Es geht um eine gerechte Verteilung.

Das Digitale ermöglicht uns Zusammenhänge zu durchleuchten, Informationsflüsse mit Materialflüssen zu verknüpfen und Prozesse nachzuvollziehen. Wir müssen uns für die Demokratisierung und Dezentralisierung dieser Daten einsetzen und sie als Gemeingut betrachten. Wir müssen uns dazu ermächtigen diese Daten zu nutzen um uns und die Welt besser zu verstehen oder wir können sie weiterhin anderen zur Verfügung stellen, damit sie uns manipulieren. Wir stehen vor der Entscheidung: Gestalten wir im Rahmen der geosozialen Krise eine Welt der Segmentierung oder der Vergemeinschaftung.

VerfasserIn: Natascha Peinsipp // Text: Xaver Jahn, Johanna Kurz, Alisa von Postel, Simon Ruof / Lehrstuhl für Wohnbau, Grundlagen und Entwerfen / The Baukunst Studio, Reallabor Space Sharing, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Denken Sie Groß ist Teil des Mehrjahresprojekts Utopias Of Change.

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